Warum Wildunfälle so gefährlich sind
Jedes Jahr ereignen sich in Deutschland rund 250.000 bis 300.000 Wildunfälle — Tendenz steigend. Besonders häufig passieren sie in den Dämmerungsstunden zwischen April und Oktober, wenn Rehe, Hirsche und Wildschweine aktiv sind. Die Schäden reichen von Blechschäden in der mittleren vierstelligen Höhe bis zu schweren Unfällen durch abrupkte Ausweichmanöver.
Das Tückische: Wildtiere verhalten sich für Autofahrer unberechenbar. Ein Tier am Straßenrand schaut auf das Fahrzeug und läuft oft erst kurz vor dem Auto auf die Fahrbahn. Kolonne-Tiere — besonders Wildschweine — queren häufig in Gruppen. Ist ein Tier über die Straße, kommen oft weitere.
Sofortmaßnahmen nach dem Wildunfall
Unfallstelle absichern
Halten Sie sofort an, aber bremsen Sie kontrolliert — ein Schlenker in die Böschung oder in den Gegenverkehr kann schlimmer sein als der Treffer selbst. Schalten Sie die Warnblinkanlage ein, ziehen Sie die Warnweste an und stellen Sie das Warndreieck auf (mindestens 100 Meter hinter der Unfallstelle auf Landstraßen).
Tier nicht berühren
Nähern Sie sich dem verletzten oder getöteten Wildtier nicht. Auch scheinbar tote Tiere können in Panik reagieren und schwere Verletzungen verursachen. Bestimmte Wildtiere (Füchse, Dachse) können Tollwut oder andere Krankheiten übertragen, wenngleich das in Deutschland heute sehr selten ist.
Polizei und Jäger informieren
Rufen Sie die Polizei an (110). In den meisten Bundesländern ist das beim Wildunfall Pflicht. Die Polizei informiert in der Regel den zuständigen Jagdpächter. Falls das Tier verletzt in die Büsche geflüchtet ist: Beschreiben Sie der Polizei die Fluchtrichtung so genau wie möglich. Der Jagdpächter muss das Tier aufspüren und von seinem Leiden erlösen.
Das Wildunfall-Protokoll der Polizei
Das Polizeiprotokoll ist der wichtigste Nachweis für Ihre Versicherung. Es enthält:
- Unfallort und -zeitpunkt
- Art des Wildtieres (soweit erkennbar)
- Beschreibung des Unfallhergangs
- Schäden am Fahrzeug
- Angaben zu verletzten Personen
Bitten Sie ausdrücklich um eine Kopie oder die Vorgangsnummer des Protokolls. Ohne dieses Dokument kann die Versicherung die Leistung verweigern.
Falls kein Tier aufgefunden wird — weil es geflüchtet ist — können manche Versicherungen dennoch regulieren, wenn andere Belege vorliegen (Haare, Blut am Fahrzeug, Schäden, die typisch für einen Wildunfall sind). Fotografieren Sie alles.
Welche Versicherung zahlt?
Teilkaskoversicherung
Die Teilkaskoversicherung deckt Wildunfälle ab, allerdings mit Einschränkungen, die im Kleingedruckten stecken. Grundsätzlich gilt:
Alle Versicherungen zahlen bei Haarwild:
- Reh, Hirsch, Wildschwein
- Fuchs, Hase, Dachs
- Alle Tierarten, die im Bundesjagdgesetz als Wild definiert sind
Manche Versicherungen zahlen zusätzlich bei:
- Kühen, Pferden, Schafen (Weidetiere)
- Hunden und Katzen
- Vögeln
Prüfen Sie Ihren Vertrag. Wenn Sie sich ein Tier wegducken, um es nicht zu treffen, und dabei gegen einen Baum fahren, gilt das nach einem Urteil des BGH ebenfalls als Wildschadensereignis — jedoch nur, wenn das Tier tatsächlich da war und eine reale Gefahr dargestellt hat.
Vollkaskoversicherung
Die Vollkaskoversicherung deckt Wildunfälle ebenfalls ab, schlägt aber auf die Schadensfreiheitsklasse durch (im Gegensatz zur Teilkasko, die die SFR nicht beeinflusst). In den meisten Fällen ist es also sinnvoller, den Wildunfall über die Teilkasko abzuwickeln.
Haftpflichtversicherung
Die Kfz-Haftpflicht zahlt Schäden an anderen Fahrzeugen oder Personen, nicht aber den eigenen Fahrzeugschaden. Wenn Sie wegen eines Wildunfalls gegen ein anderes Auto schleudern, greift die Haftpflicht für den Schaden am anderen Fahrzeug.
Wildwechsel erkennen und Unfälle vermeiden
Warnschilder beachten
Dreieckige gelbe Schilder mit einem springenden Hirsch warnen vor Wildwechselstrecken. Reduzieren Sie an solchen Stellen die Geschwindigkeit und seien Sie besonders aufmerksam in den Dämmerungsstunden (30–60 Minuten nach Sonnenauf- und Sonnenuntergang).
Bei Tier am Straßenrand
Abblenden, hupen, abbremsen — in dieser Reihenfolge. Fernlicht kann Tiere blenden und ihr Fluchtverhalten einschränken. Hupen schreckt Tiere oft auf und treibt sie von der Straße. Wenn ein Tier auf der Fahrbahn steht: abbremsen, nicht ausweichen. Ein Aufprall mit Ihrem Fahrzeug ist in der Regel weniger gefährlich als ein Ausweichmanöver in den Gegenverkehr oder die Böschung.
Besondere Risikozeiten
- Sonnenaufgang und Sonnenuntergang — die aktivsten Zeiten für Wildtiere
- Oktober bis November — Brunftzeit beim Rotwild, deutlich erhöhte Aktivität
- April bis Mai — Rehkitze werden gesetzt, Rehe verlassen häufiger ihren Einstand
- Herbst — Mais- und Getreideernte, Wildtiere fliehen aus abgeernteten Feldern auf die Straße
Schäden dokumentieren und melden
Machen Sie sofort Fotos:
- Fahrzeugschäden aus allen Winkeln
- Haare, Blut oder andere Spuren des Tieres am Fahrzeug oder auf der Fahrbahn
- Das Tier selbst (sofern vor Ort und aus sicherer Entfernung)
- Straßensituation, Wildwechselschild, Sichtweite
Melden Sie den Unfall Ihrer Versicherung innerhalb von wenigen Tagen. Übermitteln Sie:
- Polizeiprotokoll oder Vorgangsnummer
- Fotos
- Beschreibung des Hergangs
Zusammenfassung: Checkliste Wildunfall
- Kontrolliert bremsen, nicht ausweichen
- Warnblinkanlage einschalten, Warnweste anziehen
- Warndreieck aufstellen
- Tier nicht berühren
- Polizei rufen (110)
- Fotos vom Fahrzeugschaden und Unfallort
- Polizeiprotokoll / Vorgangsnummer sichern
- Versicherung informieren (Teilkasko anmelden)